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Mein Vater wird sterben

 

Lieber Kai, mein Vater liegt im Sterben und ich glaube, ich habe nicht die Kraft, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Ich bin so verzweifelt und weiß nicht, was ich tun soll! Kannst Du mir helfen?



Hallo meine Liebe,

ich kann Deine Angst und Verzweiflung sehr gut nachvollziehen. Das, was Du gerade empfindest, ist völlig in Ordnung so. Du darfst so fühlen!

Du möchtest einfach nicht, dass er stirbt. Du könntest ausflippen und sonst was tun. Deshalb ziehst Du Dich zurück, um Dich zu schützen. 

Auch das ist absolut Dein Recht..

Wenn Du meinst, es würde Deine Kraft übersteigen, ihn zu besuchen, dann brauchst Du es auch nicht zu tun.

Nun ist das ganze Geheimnis in einer Trauer (in der Du Dich jetzt schon befindest), AKTIV zu sein. Sich also nicht nur zurückzuziehen, sondern etwas zu tun: Das machst Du ja schon, indem Du Dir hier Hilfe holst. Und das finde ich gut.

Das also zu Deinen Gefühlen.

Wie sieht es mit Deinem Vater aus?

ER stirbt.

DU wirst weiterleben. 

Ich persönlich – also das gilt für mich! – würde zu ihm hingehen und ihm die Ehre erweisen, die er verdient. Nämlich in seinen letzten Momenten bei ihm zu sein. Selbst, wenn er die Worte, die ich ihm sagen könnte, nicht hören würde, so würde er doch meine Anwesenheit fühlen. Seine Seele würde das wahrnehmen.

Damit würde ich ihm Wertschätzung entgegenbringen. Ich denke, niemand hat es verdient, dann, wenn es ganz schwer wird, alleingelassen zu werden. Aufgegeben zu werden.

Und wenn dann Jahre vergangen wären, könnte ich ein gutes Gewissen haben. Denn ich hätte ihn so behandelt, wie ich einmal behandelt werden möchte. Mit Respekt, Anstand und Würde. Weil er ein Mensch ist und kein „Ding.“

Menschen, die sterben, durchlaufen wie auch Trauernde ganz bestimmte Phasen. Nach der Schockphase, der Selbstmitleidsphase und der Verhandlungsphase (wenn die Sterbenden mit dem Schicksal feilschen möchten, wie z.B. „Lass mich wenigstens noch die Einschulung meiner Enkelin erleben, dann kann ich auch sterben.“) kommt die Phase, in der sie sich ergeben und „einwilligen“, dass sie nun sterben. Dann sind sie meist ganz ruhig und dankbar für jede Nähe, wollen aber nicht immer sprechen oder etwas zeigen, sondern genießen nur, dass da jemand bei ihnen ist.

Wie immer Du Dich auch entscheidest, bereite dich auf eine Reihe verschiedener Emotionen vor, die du verspüren wirst. Manche Gefühle werden vielleicht nur einmal vorkommen, manche werden immer und immer wiederkehren. Typische Gedanken und Gefühle werden Wut, Angst, Sorge und ein Gefühl der Ungerechtigkeit, Ärger, Erschöpfung, Hoffnung, Freude über geteilte Erinnerungen, Wunschdenken, Erleichterung, Trauer, Verzweiflung und mehr umfassen. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg zu fühlen oder zu denken und vielleicht hast du das Gefühl, dass manche Emotionen deine Fähigkeit, klar zu denken, überschatten.

Das alles ist ein Schutzmechanismus Deiner Seele, sie verarbeitet dadurch den Verlust eines Menschen und die Tatsache, dass Dir schlagartig Deine eigene Existenz sehr unsicher erscheint. Das geht uns meistens so, wenn wir von einem Tod erfahren.

Ich wünsche Dir viel Kraft für die nächste Zeit. Und egal, wie Du Dich auch entscheidest: Es ist in Ordnung so. Niemand kann Dir vorschreiben, wie Du zu fühlen hast. 

Wenn Du magst, wende Dich mit Deinen Fragen an ein Hospiz in Deiner Nähe. Die Menschen dort, wissen, wie man mit solchen Situationen umgeht und werden Dir auch keine Vorschriften machen.

Alles Liebe und Gute! Denk‘ an Dich! Sorge für Dich!

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Kai Sender
Sozialarbeiter
Bremen