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Darüber hinwegkommen?

Werde ich je über meine Trauer hinwegkommen?

"Ich will nur meinen Mann wieder. Manchmal betreue ich unsere Enkelkinder, aber selbst da will ich meinen Mann wieder dabeihaben. Wir waren immer eine Einheit und unser Leben war zu schön, als dass ich es vergessen könnte. Gleich nach der Beerdigung hat jemand gesagt, dass ich schon darüber hinwegkommen würde, dass es aber auch Menschen gäbe, denen das niemals gelingt. Ich weiß nicht – werde ich je darüber hinwegkommen?"

Wir haben in unseren Trauerchats oft gelesen, wie die Hoffnung selbst die grausamsten Verluste überlebt. Eltern, die ein Kind verloren haben, hoffen, ein Leben zu führen, auf das ihr Kind stolz wäre. Sie sehnen sich danach, Wege zu finden, um das Gedächtnis ihres Kindes zu ehren oder zu verhindern, dass eine andere Familie einen solchen Verlust erleidet. 
Sie hoffen, einen Weg zurück in einen positiven Alltag zu finden oder zumindest eine neue „Normalität“ zu schaffen.
Ebenso gibt es viele Trauernde, die auf den Tag hoffen, an dem sie „darüber hinwegkommen“. Manchmal wird das von Menschen geäußert, die sich ihren eigenen Gefühlen gegenüber verschlossen haben. Eben diese Aussage wird auch von Menschen wiederholt, die am Boden zerstört sind. 
Erstere möchten nur diese Zeitspanne auslöschen und in ihr früheres Leben zurückkehren, ohne diese permanente Traurigkeit weiterhin ertragen zu müssen. Letztere haben das Gefühl, sie tragen eine außerordentliche Last und können diese nicht mehr schultern. Sie bitten darum, diese Last abstellen zu dürfen, um dann ohne sie weiterzugehen.
An beiden Einstellungen ist nichts falsch. Diese Gefühle dürfen sein.

Trauer ist wie ein Ozean

Es gibt Wellen und Brecher, die Sie überspülen und Ihnen die Luft zum Atmen nehmen. Die hohe Woge wirft Sie nach unten und Sie können einige Zeit die Orientierung verlieren, weil Sie nicht wissen, wo genau Sie jetzt gerade sind. Manchmal spüren Sie dann wieder Boden unter den Füßen oder Sie fangen an zu schwimmen. Dann hat die Hoffnung gesiegt, dass Sie es doch schaffen. Einige Trauernde können sich mit der Situation nicht abfinden und möchten sich weigern weiterzuschwimmen. Es ist also verständlich, wenn man so schnell wie möglich diesen Ozean verlassen möchte.

Die Wahrheit: Sie werden nie über Deine Trauer hinwegkommen.

Aber Ihre Trauer wird sich verändern und Ihre Trauer wird sich wandeln. Es wird sich anfühlen, als würde sich die Traurigkeit zerstreuen. Dann wird sie mit Macht zurückkehren. Einige Tage werden sich fast angenehm anfühlen. An anderen Tagen werden Sie eine Schwere fühlen, die Sie zu Boden drückt. 
Etwas löst eine Erinnerung aus: Sie sitzen im Zug, fahren durch die Gegend, lesen ein Magazin – und sehen ein Foto von Ihrem Lieblingsort. Dort waren Sie oft in Urlaub und haben die Zeit genossen. Und sofort werden die Tränen fließen, obwohl Sie das nicht wollten. In anderen Situationen wird unvermittelt etwas anderes ein Lächeln hervorbringen. Eine schöne Erinnerung wird auftauchen. 
Sie werden glücklich sein; Sie werden traurig sein. Ihe Trauer wird nicht die Gleiche bleiben. 
„Darüber hinwegkommen“ ist sowieso nicht das, was Sie wirklich möchten. Das wäre nämlich gleichbedeutend mit Vergessen. Es wäre, als würden Sie ein wirklich wichtiges Kapitel eines guten Buches übersehen. Was vor diesem Teil des Buches und was danach geschah, ist meilenweit voneinander entfernt, und Sie müssen sich mit diesem Kapitel vertraut machen, um den Rest zu verstehen. Denn dieses Kapitel gehört zu Ihrem Leben. Damit ist es ein Teil von Ihnen selbst.

Die Trauer ist ein Teil von Ihnen selbst.

Wenn Trauer nicht vollständig verarbeitet wird, kann sich mit der Zeit ein größerer Riss in Ihrem Leben bilden, durch den Ihre Lebensenergie, Ihr Lebenswille und IHre Perspektive für ein gutes Leben verloren gehen. 
Ihre Trauer ist eine Möglichkeit, die früheren Kapitel weiterleben zu lassen, indem sie die Bedeutung erlangen, die sie verdienen. 
Das ist der Schlüssel: Durch das Überwinden wird das Schlechte beseitigt, das Gute aber ebenfalls gelöscht. Wir können unsere Gefühle nicht selektiv betäuben. Wenn wir die schmerzhaften Emotionen dämpfen, betäuben wir auch die positiven Gefühle. 
Der Wunsch, „darüber hinwegzukommen“, ist eine normale, sehr menschliche Reaktion. Realistischer ist es, dem Menschen, den wir betrauern, einen Platz in unserem Herzen zu geben. Und ihn dort zu lassen. 

Hier einige Zitate aus unserem Buch "Wenn Trauer spricht" - sie stammen aus unseren Trauerchats

Wenn wir sowohl das Böse als auch das Gute loswerden, geben wir die Hoffnung auf – und Hoffnung ist das, was überleben muss.
Werde ich darüber hinwegkommen, werde ich das irgendwann annehmen können und mir keine Vorwürfe mehr machen und keine seelischen Schmerzen mehr haben?

Es tut mir ja leid, aber ich glaube nicht, dass man darüber hinwegkommen kann, man kann nur damit leben, es akzeptieren und die Verstorbenen so gut wie möglich ins eigene Leben integrieren.

Ich habe so lange gedacht, dass es das nun war mit meinem Leben, das glaubt Ihr ja gar nicht. Mir war ganz klar, dass ich nie darüber hinwegkommen kann. Und dann, auf einmal, nach neun Monaten, war es plötzlich anders. Und darüber bin ich einfach nur froh. 

Es gibt ja viele Völker, da ist der Respekt vor den „Ahnen“ so präsent. Da wird quasi mit den Verstorbenen zusammen gefeiert. Ein Platz ist immer für sie reserviert. Also das zum Thema „darüber hinwegkommen“ – das muss man ja gar nicht.

Hier geht es zum Trauerchat - Mo. 10-11 Uhr | Di 20-22 Uhr | Do 16-17.30 Uhr


Unser Trauer-Experte Kai Sender hat ein Trauerbuch mit dem Titel „Wenn Trauer spricht“ herausgegeben. Der Leser erhält hier keinen klassischen Ratgeber von Psychologen für Trauerbewältigung, hier kommen die Trauernden selbst zu Wort und geben rund 260 Antworten auf 20 Fragen. Mit Original-Zitaten aus dem Trauerchat.

Wenn Trauer spricht
Erfahrungen aus einem Trauerchat
Kai Sender
Paperback
128 Seiten
24,90 Euro | eBook 16,99 Euro
ISBN-13: 9783748139973

Das Trauerbuch ist online oder im stationären Buchhandel erhältlich, auch als eBook!

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Kai Sender
Sozialarbeiter
Bremen