Robert Spaemann

Robert Spaemann

* 05.05.1927 in Berlin
† 10.12.2018
Erstellt von Redaktion Trauer.de
Angelegt am 11.12.2018
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Über den Trauerfall (12)

Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Robert Spaemann, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.

Robert Spaemann

11.12.2018 um 10:42 Uhr von Redaktion
 
Robert Spaemann (2010)

Robert Spaemann (* 5. Mai 1927 in Berlin; † 10. Dezember 2018) war ein deutscher Philosoph. Er wird zur Ritter-Schule gezählt.

Leben

11.12.2018 um 10:41 Uhr von Redaktion

Robert Spaemann war der Sohn von Heinrich Spaemann und Ruth Krämer (1904–1936). Er wurde 1930 nach dem Übertritt seiner Eltern zum katholischen Glauben getauft. Nach dem frühen Tod seiner Mutter ließ sich der Vater 1942 zum Priester weihen und übernahm an seinem Wohnort Dorsten eine Kaplanstelle. Bis heute ist Robert Spaemann unter älteren Dorstenern bekannt als „der Sohn vom Kaplan“. Er verbrachte seine Schulzeit in Dorsten und war Schüler des Gymnasium Petrinum. Im Frühjahr 1944 brachte er sich durch eine anonym an die Tafel gekritzelte Hitler-Karikatur in Gefahr, als der Schulleiter, selbst Nationalsozialist, die von anderen Lehrern verlangte Einschaltung der Gestapo und damit schlimmere Konsequenzen für den Urheber der Zeichnung in letzter Minute unterband.

Spaemann studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik an den Universitäten MünsterMünchen, Fribourg (Schweiz) und Paris. Er wurde 1952 bei Joachim Rittermit einer Dissertation über Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald promoviert. Vier Jahre lang war er Lektor im Kohlhammer Verlag, danach wissenschaftlicher Assistent in Münster. Dort habilitierte er sich 1962 in Philosophie und Pädagogik mit einer Arbeit über François Fénelon. Als Assistent in Münster nahm er an den Seminaren des „Collegium Philosophicum“ Joachim Ritters teil. An diesen Seminaren beteiligten sich auch die Philosophen Hermann LübbeOdo Marquard und Günter Rohrmoser sowie der spätere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, die man später der sogenannten „Ritter-Schule“ zuordnete. Nach Auskunft Spaemanns war dies eigentlich keine philosophische Schule, sondern „eher ein Kreis von Freunden, die an gewissen Sachfragen immer ein gemeinsames Interesse hatten und die vielleicht stärker als die verwandte Gadamer-Schule das Politische als philosophisch relevant ernst genommen hat.“

Nach eigener Darstellung hat sich Spaemann nach dem Krieg für „kurze Zeit der Faszination der Lektüre von Marx und Lenin hingegeben“, bis er, „im Rahmen von Aktivitäten, die heute verfassungsschutzrelevant wären“, den „realen Sozialismus“ kennen gelernt und so auch die Wahrheit über den kommunistischen Terror in der Sowjetunion erfahren habe.In den 50er Jahren kritisierte er Pläne der damaligen Bundesregierung zur atomaren Aufrüstung der Bundeswehr. Zu dieser Zeit wurde er „gelegentlich als Linkskatholik apostrophiert.“

Spaemann war ordentlicher Professor für Philosophie an den Universitäten Stuttgart (bis 1968), Heidelberg (bis 1972) und München, wo er 1992 emeritiert wurde.

Seine Frau Cordelia (geb. Steiner; * 12. November 1925), die er 1950 geheiratet hatte, verstarb am 24. April 2003. Sie wurde vor allem als Übersetzerin des Langgedichts The Anathemata von David Jones bekannt. Sein Sohn Christian Spaemann ist Psychiater und leitete von 2003 bis 2011 die Klinik für Psychische Gesundheit am Krankenhaus St. Josef in Braunau am Inn. Seine Tochter Susanna Spaemann ist Pianistin und Klavierpädagogin und lebt mit ihrer Tochter, der Cellistin Marie Spaemann, in Wien. Ein drittes Kind des Ehepaares erwähnt Spaemann in seiner Autobiographie.

Wirken

11.12.2018 um 10:39 Uhr von Redaktion

Spaemann wird bescheinigt, dass sein Engagement in zeitgenössischen Debatten seine philosophische Forschung nicht beeinträchtigt hat. Seine Hauptwerke – Glück und Wohlwollen (1989) und Personen (1996) – wären ohne „diese aktuellen Auseinandersetzungen kaum zu denken“. Die Verwicklung in solche Debatten sei „der Lesbarkeit und dem souveränen Gestus seiner Bücher“ zugutegekommen.

In einem 1996 veröffentlichten Aufsatz kritisierte Spaemann das Projekt Weltethos des Tübinger Theologen Hans Küng scharf.

In seinen Reden und Veröffentlichungen setzte sich Spaemann für den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum natürlichen Tod ein. Er kritisierte deshalb Vorschläge zur – wenigstens teilweisen – Freigabe der Tötung auf Verlangen und zu einer „Liberalisierung“ der Sterbehilfe. Er begründete die mit einem Verständnis von Person und Menschenwürde, das jegliche Relativierung des Rechts auf Leben mit Zeitpunkten, Fristen und anderen Bedingungen zurückweise. Gemeinsam mit dem früheren Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte er folgenden Grundsatz: „Wenn es überhaupt so etwas wie Rechte der Person geben soll, kann es sie nur geben unter der Voraussetzung, dass niemand befugt ist, darüber zu urteilen, wer Subjekt solcher Rechte ist.“ Die Menschenwürde kommt der Person nicht unter der Voraussetzung bestimmter Eigenschaften (z. B. des Selbstbewusstseins), sondern allein aufgrund ihrer biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Mensch zu. Er weist nach, dass für die Aufklärung ebendiese These, dass „Menschen vor ihrer Geburt Personenrechte“ haben, selbstverständlich gewesen ist. Es ist als Spaemanns Verdienst anzusehen, „die Debatte um Abtreibung und Euthanasie auf diese grundsätzliche Ebene gehoben zu haben“

Nachdem die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit 2006 auf der Leipziger Buchmesse nicht als Aussteller hatte zugelassen werden sollen, unterzeichnete Spaemann den von der JF inszenierten „Appell für die Pressefreiheit“ gegen den Ausschluss der Jungen Freiheit von der Leipziger Buchmesse nicht als Aussteller. Spaemann hielt es für gefährlich, wenn staatliche Institutionen aufgeboten werden, „um bestimmte verfassungskonforme politische Positionen öffentlich zu ächten“. In staatlich organisierten „Bündnissen gegen Rechts“ sah er den Versuch, den Staat als eine „Wertegemeinschaft“ neu zu begründen. Der liberale Rechtsstaat sei – auch wegen des gesellschaftlichen Pluralismus – konstitutiv eine Rechtsgemeinschaft. Er erkenne die Rechte seiner Bürger unabhängig von ihren weltanschaulichen Auffassungen an, solange diese den Gesetzen gehorchen. Verstehe sich der demokratische Staat als Wertegemeinschaft, so berge dies die „Gefahr eines liberalen Totalitarismus“. Um die Gesetze des Staates zu akzeptieren, müsse man nicht unbedingt die Werte teilen, die diesen zugrunde liegen. Vielmehr genüge es, den Gesetzen zu gehorchen, weil man den „Wert des inneren Friedens“ im Gemeinwesen kenne. Im Blick auf das zusammenwachsende Europa folgerte er, dass die Europäische Union nur dann eine Rechtsgemeinschaft sein kann, wenn sie „Gemeinschaften mit gemeinsamen Wertschätzungen“ schützt, „selbst aber darauf verzichtet eine Wertegemeinschaft zu sein“. Über Homosexualität allgemein sagte er in einem Interview: „Unter meinen guten Freunden sind mehrere Homosexuelle. Mit denen bin ich darin einig, dass die Abwesenheit der Anziehungskraft des anderen Geschlechts ein anthropologisches Manko ist.'

Papst Benedikt XVI. schätzte ihn als Berater und lud ihn im September 2006 nach Castel Gandolfo ein, um über das Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Glauben zu referieren. Spaemann schreibt zeitkritische Beiträge zu ethischen, politischen und religiösen Fragen für überregionale Zeitungen. Seine Positionen, insbesondere zur Ökologie und zur Bioethik, werden über die Grenzen verschiedener Weltanschauungen und Parteien hinaus beachtet. Wegen seines Engagements für die Bewahrung der Schöpfung bezeichnete ihn die Berliner Tageszeitung als Ökophilosophen. Auf Einladung der Bundestagsfraktion der Grünen referierte er zur Debatte um die Stammzellenforschung.

Spaemann war Mitherausgeber des anonymen Hauptwerks des christlichen Hermetikers Valentin Tomberg mit dem Titel Die großen Arcana des Tarot.

Sterbehilfe

11.12.2018 um 10:33 Uhr von Redaktion

Spaemann äußerte sich wiederholt gegen Sterbehilfe jeglicher Art. Er befürchtet dabei insbesondere, jegliche Ermöglichung von Sterbehilfe werde zu einem Dammbruch führen. Dies hat ihm Kritik vom Verein Dignitas eingebracht. Spaemann wendet sich aber ebenso gegen eine künstliche Lebensverlängerung, die nur durch Aufbietung außerordentlicher Maßnahmen erreicht werden kann. In beiden Fällen würde „der Mensch um den Akt des Sterbens betrogen“.[

Tierethik

11.12.2018 um 10:32 Uhr von Redaktion

Spaemann bezog die Tiere als Bestandteil der Schöpfung in seine Positionen ausdrücklich mit ein. Er hält es für unnötig, gegen die These zu argumentieren, dass wir nur von Menschen wissen können, dass sie leiden, da nur sprachliche Kommunikation uns über den Schmerz eines Wesens informieren könne. Für Spaemann ist es nach einer alten Disputationsregel nicht sinnvoll, etwas beweisen zu wollen, das für jedermann offenkundig ist: „Zu dem Offenkundigen gehört, dass wenigstens höherentwickelte Tiere sich in Lagen befinden können, die wir sinnvollerweise nur mit Worten wie Schmerz, Leiden, Lust und Sichwohlfühlen beschreiben können“. Er hält es für ein wirksames Mittel, Grausamkeiten gegen Tiere z. B. durch Fernsehsendungen sichtbar zu machen, da es Dinge gibt, „die man nur sehen muss, um zu sehen, dass sie nicht sein sollen“.Das Gegenargument, dass menschliche Interessen vor tierischen Bedürfnissen Vorrang haben und dass es unfair sei, „die unmittelbaren Gefühle des Publikums gegen bestimmte Praktiken zu mobilisieren, ohne den Preis zu nennen, den wir für die Unterlassung solcher Praktiken zahlen müssen“, hält Spaemann für schwach.

Unter diesem Gesichtspunkt setzte er sich besonders mit dem Thema Tierversuche auseinander, da es nach seiner Auffassung für eine verantwortliche öffentliche Güterabwägung Voraussetzung ist, dass „die zur Abwägung anstehenden Güter erst einmal zur Kenntnis genommen werden“.Da das Leiden der Tiere im Labor jedoch sorgfältig vor uns verborgen wird, vermutet Spaemann: „Ist die übliche Geheimhaltung auf diesem Gebiet nicht ein Zeichen dafür, dass eine verantwortliche Güterabwägung gerade nicht stattfinden soll?“ Ohne die Möglichkeit einer unmittelbaren gefühlsmäßigen Wahrnehmung tierischen Leidens, so Spaemann, fehlt uns jedoch die elementare Wert- und Unwerterfahrung, die jedem sittlichen Urteil vorausgeht. In diesem Verhalten drückt sich für ihn der Unterschied zwischen dem heutigen und dem archaischen Umgang mit Tieren aus, der, auch wo er grausam war, vor aller Augen stattfand: „Die Perversität der gegenwärtigen Praxis liegt darin, dass wir unsere verfeinerte Sensibilität durch den Umgang mit den Haustieren befriedigen und davon getrennt eine Praxis institutionalisieren, gegen die wir diese Sensibilität abschirmen (...).“

Spaemann erwartet, dass der Tierexperimentator als sittliches Wesen selbst fordern müsse, „dass die Frage der Zulässigkeit seiner Versuche durch Menschen entschieden wird, die nicht durch das primäre Interesse am Versuch und seinen Ergebnissen bestimmt und insofern befangen sind“. Gleiches machte er für die Deutsche Forschungsgemeinschaft geltend, die „in Fragen dieser Art niemals als unparteiischer Berater und Schiedsrichter auftreten kann, da sie hier wesentlich Partei ist“.

Gemeinsam mit den fast zeitgleichen Veröffentlichungen des Schriftstellers Hans Ruesch und des Mediziners Herbert Stiller regte Robert Spaemann 1979/1980 die zu dieser Zeit wieder auflebende öffentliche Debatte über das Für und Wider von Tierversuchen mit einem Beitrag an, in dem er forderte: „Was heute an Millionen Versuchstieren geschieht, muss aus dem einzigen Grund verboten werden, weil es mit der Selbstachtung einer menschlichen Rechtsgemeinschaft unvereinbar ist“. Er kritisierte jene Tierquälereien, die nicht aus Gedankenlosigkeit oder Rohheit begangen werden, sondern weil sie zum vermeintlichen oder angeblichen Vorteil des Menschen geschehen und dementsprechend einen vernünftigen Grund im Sinne des Gesetzes darstellen. Die Verwendung des Wortes „wissenschaftlich“ bezeichnete er in diesem Zusammenhang als „die fürchterlichste Einschüchterungsvokabel der Gegenwart“. Ein Zitat aus diesem Beitrag Spaemanns erlangte über Tierschutzkreise hinaus Bekanntheit:

„Die absichtliche Verwandlung eines solchen Lebens in ein Bündel von Leiden und stummer Verzweiflung ist ein Verbrechen. Was sollte eigentlich sonst ein Verbrechen sein?“

– Robert Spaemann: Welt des Grauens (1980)

Nicht unser eigenes Interesse, so Spaemann, sondern unsere Selbstachtung ist es, die es uns gebietet, das Leben von Tieren artgemäß und ohne die Zufügung schweren Leidens geschehen zu lassen, da diese ihr Leiden nicht in die höhere Identität eines bewussten Lebenszusammenhangs integrieren und so bewältigen können. „Sie sind sozusagen im Schmerz nur Schmerz.“ Für Spaemann liegt der wesentliche Grund, einem Wesen keinen Schmerz zuzufügen, nicht darin, dass es ein vernünftiges, sondern darin, dass es ein schmerzempfindendes Wesen ist. Den oft vorgebrachten Einwand, dass es in der Welt so viel bestialisches Unrecht an Menschen, Hunger, Folterungen, Entwürdigungen gibt und wir deshalb Wichtigeres zu tun haben, als uns der Tiere anzunehmen, ließ er nicht gelten: „Zweitwichtigstes so lange zu unterlassen, bis alles Wichtigste sich erledigt hat, wäre das Ende aller Kultur.“

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